VerheirateteFrauenTreffen

Frag nicht, erzähl nicht

Heike, 55 · Dresden

Die Abmachung ist sieben Jahre alt und wurde an einem Sonntagnachmittag getroffen, auf unserem Balkon in Striesen, zwischen einem Teller Eierschecke und einer Kanne Kaffee, die längst kalt war. Wolfgang hatte lange geschwiegen, das tut er oft, und dann hatte er, ohne mich anzusehen, gesagt: „Ich weiß, dass ich dir das nicht mehr geben kann. Seit der Operation nicht. Und ich will nicht, dass du deswegen verdorrst.“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich war achtundvierzig, seit dreiundzwanzig Jahren mit ihm verheiratet, und ich hatte mich mit dem, was er „das“ nannte, still arrangiert, so wie man sich mit einer Baustelle vor dem Haus arrangiert, von der man weiß, dass sie nie fertig wird.

„Wenn du jemanden triffst“, sagte er, „dann frag ich nicht. Und du erzählst nicht. Das ist alles, worum ich dich bitte.“

„Und wenn ich niemanden treffen will?“

„Dann ist es auch gut.“

Er schob mir das letzte Stück Eierschecke hinüber, und damit war das Gespräch beendet. Wir haben nie wieder darüber gesprochen. Sieben Jahre lang lag diese Freiheit irgendwo in unserem Haushalt herum wie ein Schlüssel zu einer Tür, von der man nicht mehr genau weiß, wo sie ist. Ich habe ihn nie benutzt. Bis zu diesem Oktober.

Konrad ist Restaurator. Er hat eine Werkstatt in einem Hinterhaus der Äußeren Neustadt, zwischen der Louisenstraße und der Alaunstraße, wo tagsüber Studenten auf Treppenstufen sitzen und nachts die Kneipen bis auf den Gehweg quellen. Ich kam zu ihm, weil ich einen Stuhl hatte. Einen Biedermeierstuhl aus dem Nachlass meiner Mutter, Kirschholz, mit einer gebrochenen Zarge und einem Bezug, den irgendwann in den Siebzigern jemand mit orangefarbenem Cord überzogen hatte.

„Das ist ein Verbrechen“, sagte Konrad, als er den Cord sah. „Aber ein verjährtes.“

Er ist zwei Jahre älter als ich, hat breite, ruhige Hände und eine Brille, die er auf die Stirn schiebt, wenn er etwas genauer betrachten will, was paradox ist und mich jedes Mal zum Lächeln bringt. Er ist geschieden, hat eine erwachsene Tochter in Leipzig und restauriert gerade, neben meinem Stuhl, eine bemalte Holzdecke in einer Villa in Loschwitz, deren Besitzer irgendwo in der Schweiz wohnen und nur zweimal im Jahr vorbeikommen.

Ich holte den Stuhl nicht sofort ab, als er fertig war. Ich kam dreimal, um nach dem Fortschritt zu sehen, obwohl es keinen Fortschritt zu sehen gab, den man nicht auch am Telefon hätte erfragen können. Beim dritten Mal sagte Konrad, ohne von seiner Arbeit aufzublicken: „Sie kommen nicht wegen des Stuhls.“

„Nein“, sagte ich. Ich war selbst überrascht, wie leicht mir das fiel.

„Ich fahre am Wochenende nach Loschwitz. Die Decke. Ich muss das Licht am Samstagnachmittag sehen, wegen der Retuschen. Wenn Sie mitkommen wollen.“

„Das ganze Wochenende?“

Er schob die Brille auf die Stirn und sah mich an. „So lange Sie wollen. Oder so kurz.“

Ich sagte Wolfgang beim Abendbrot, dass ich am Wochenende weg sei. Er schnitt gerade eine Scheibe Brot ab, und seine Hand hielt kurz inne, nur einen Wimpernschlag lang. Dann schnitt er weiter.

„Brauchst du das Auto?“

„Nein. Ich fahre mit der Bahn.“

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„Gut“, sagte er. „Ich wollte ohnehin die Regenrinne machen.“

Das war alles. Er fragte nicht, und ich erzählte nicht. Ich hatte mir diesen Moment hundertmal ausgemalt, in allen Varianten, mit Tränen, mit Vorwürfen, mit einem Rückzieher in letzter Sekunde, und dann war er so still und unspektakulär wie das Abendbrot selbst. Als ich später im Schlafzimmer eine kleine Tasche packte, hörte ich ihn unten die Nachrichten schauen. Ich legte ein Nachthemd hinein, das ich seit Jahren nicht getragen hatte, und nahm es wieder heraus, und legte es wieder hinein.

Am Samstagmorgen fuhr ich mit der Straßenbahn in die Neustadt. Konrad wartete vor der Werkstatt, zwei Kaffeebecher in der Hand, eine Tasche mit Pinseln und Lösemitteln über der Schulter. Wir gingen zu Fuß hinunter zur Elbe, durch die Martin-Luther-Straße, vorbei an der Kirche, dann über die Bautzner Straße auf die Elbwiesen.

Es war einer dieser goldenen Oktobertage, die Dresden im Herbst manchmal verschenkt, ohne dass man sie verdient hätte. Auf den Wiesen lag noch Tau, Hunde rannten Stöcken hinterher, ein Raddampfer zog flussaufwärts, und die Weinberge an den Loschwitzer Hängen leuchteten rot und gelb. Wir liefen den Elberadweg entlang, Stunde um Stunde, wie mir schien, obwohl es wohl kaum mehr als eine war. Konrad erzählte von Deckenmalereien, von Schablonen und Leimfarben, von einem Engel in einer Dorfkirche im Erzgebirge, dem jemand in den Fünfzigern einen Schnurrbart gemalt hatte.

„Und was haben Sie gemacht?“

„Ich hab ihm den Schnurrbart gelassen. Er hatte ihn sich verdient, nach all den Jahren.“

Am Blauen Wunder blieben wir stehen. Die Brücke spannte sich über den Fluss, dieses grünblaue Gerippe aus Stahl, auf dem Autos und Radfahrer in der Sonne blitzten. Wir gingen hinüber, nach Loschwitz, und in der Mitte der Brücke, dort, wo sie leicht vibriert, wenn ein Lastwagen vorbeifährt, nahm Konrad meine Hand. Ich zog sie nicht zurück. Ich hielt sie fest, als könnte die Brücke unter mir nachgeben.

Die Villa lag am Hang hoch über dem Körnerplatz, hinter einem verwilderten Garten, in dem Äpfel im Gras verfaulten. Um dorthin zu kommen, nahmen wir die Standseilbahn, die seit über hundert Jahren den Berg hinauf zum Weißen Hirsch fährt, und liefen von der Bergstation ein Stück den Hang hinunter. Ich war mit meiner Tochter zuletzt mit dieser Bahn gefahren, als sie sechs war. Sie hatte die ganze Fahrt über aus dem Fenster geschaut und gerufen: „Die Stadt wird ganz klein!“

Die Stadt wurde ganz klein. Unter uns lag das Elbtal, die Brücke, der glitzernde Fluss, am Horizont der Dunst über der Altstadt.

Die Decke war wunderschön. Ein Himmel aus verblassten Blautönen, durchbrochen von Ranken, Vögeln und Früchten, die jemand um 1890 mit unendlicher Geduld dort hinaufgemalt hatte. Konrad stieg auf das Gerüst und arbeitete eine Stunde lang schweigend, während das Nachmittagslicht durch die hohen Fenster schräg über die Farben wanderte. Ich saß auf einer Kiste und sah ihm zu. Ich hatte nicht gewusst, dass Zusehen so erregend sein kann.

Als er herunterkam, hatte er einen blauen Fleck auf der Wange, kaum größer als ein Daumennagel. Ich wischte ihn weg. Er hielt meine Hand an seinem Gesicht fest, und das Licht wurde langsam rot, und irgendwo in dem großen, leeren Haus tickte eine Uhr, die niemand mehr aufzog. Die Villa hatte ein Gästezimmer mit einem breiten, alten Bett und Leinen, das nach Lavendel roch. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, und mehr will ich auch nicht sagen. Nicht einmal hier.

Ich kam am Sonntagabend nach Hause. Das Wochenende hatte zwei Nächte gedauert, einen Sonntagmorgen mit Brötchen vom Bäcker am Körnerplatz und einen langen, stillen Spaziergang zurück über die Elbwiesen. Konrad hatte mich nicht gefragt, ob ich wiederkomme. Ich hatte es ihm nicht versprochen. Wir wussten beide, dass ich es tun würde, irgendwann, ohne dass es etwas sein musste, das einen Namen trägt.

Wolfgang stand in der Küche und rührte in einem Topf. Es roch nach Kartoffelsuppe mit Majoran, dem Rezept seiner Mutter. Die Regenrinne war repariert, ich hatte es im Vorbeigehen gesehen.

„Hast du Hunger?“, fragte er.

„Riesigen.“

Er füllte zwei Teller, und wir aßen am Küchentisch, und er erzählte von der Regenrinne und von einem Nachbarn, der ihm eine Leiter geliehen hatte, die zu kurz war. Ich hörte zu. Ich lachte an den richtigen Stellen, und es war nicht gespielt. Als er die Teller abräumte, legte er mir im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter, einen Moment länger als sonst.

Er fragte nicht. Ich erzählte nicht. Und nach dreißig Jahren Ehe verstand ich zum ersten Mal, dass diese Abmachung kein Verzicht gewesen war, sondern ein Geschenk, das er mir mit einem Stück Eierschecke über den Tisch geschoben hatte. Der Stuhl meiner Mutter steht jetzt im Flur, mit einem neuen Bezug aus grünem Samt. Wolfgang sagt, er sei zu schön, um darauf zu sitzen. Ich sitze trotzdem darauf, jeden Morgen, wenn ich mir die Schuhe anziehe.

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