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Messewoche am Karl-Heine-Kanal

Franziska, 31 · Leipzig

Ich kannte seine Sätze, lange bevor ich seine Stimme kannte. Acht Monate lang hatte ich sie gelesen, redigiert, mit Randbemerkungen versehen, die er mit anderen Randbemerkungen beantwortete, manchmal höflich, manchmal spöttisch, einmal, im Januar, mit einem einzigen Wort: „Nein.“ Es ging um ein Semikolon auf Seite 214. Er hatte recht behalten.

Der Roman war portugiesisch, vierhundert Seiten über eine Familie in Porto, und Arne Vogt hatte ihn übersetzt, von Lissabon aus, wo er seit zwölf Jahren lebt. Unser Verlag sitzt in der Südvorstadt, drei Räume über einem Fahrradladen in der Karl-Liebknecht-Straße, und wir machen acht, manchmal neun Bücher im Jahr. Ich bin dort Lektorin, seit vier Jahren, und seit einem Jahr und zwei Monaten bin ich mit Jonathan verheiratet. Wir haben im Clara-Zetkin-Park unter einer Kastanie Sekt getrunken, nachdem wir im Standesamt Ja gesagt hatten, und es war ein schöner Tag, und ich erzähle das nicht, um mich zu rechtfertigen, sondern weil es dazugehört.

Zur Buchmesse im März kam Arne nach Leipzig. Er hatte eine Ferienwohnung in Plagwitz gemietet, weil die Hotels ausgebucht waren oder weil er Hotels nicht mag, das habe ich nie genau herausgefunden. „Ich brauche eine Küche“, schrieb er. „Und ein Fenster, aus dem man auf Wasser sieht. Sonst kann ich nicht schlafen.“

Der erste Messetag ist immer derselbe Rausch. Morgens um halb neun die S-Bahn zur Messe, voll mit Menschen, die Tragetaschen mit Verlagslogos über den Schultern haben, mit Schülerinnen in Cosplay-Kostümen, die ihre Perücken auf dem Schoß halten, damit sie nicht zerdrückt werden. Dann der lange Weg durch die Glashalle, dieses riesige, gewölbte Gewächshaus aus Stahl und Licht, in dem die Stimmen klingen wie in einem Bahnhof. Und dann Halle 3, unser kleiner Stand, zwei Regale, ein Tisch, eine Kaffeemaschine, die am zweiten Tag den Geist aufgibt, jedes Jahr.

Arne kam um elf. Ich erkannte ihn sofort, obwohl ich nur ein unscharfes Autorenfoto von ihm kannte. Er war größer als auf dem Foto und älter, Mitte vierzig vielleicht, mit einem kurzen, grauen Bart und einer abgewetzten Lederjacke, deren Ellbogen fast weiß waren. Er nahm eines unserer Bücher aus dem Regal, seines, und blätterte darin, ohne mich anzusehen.

„Seite 214“, sagte ich.

Er sah auf. Dann lachte er, laut, so dass sich Leute am Nachbarstand umdrehten. „Sie sind die mit dem Semikolon.“

„Ich bin die mit dem Semikolon.“

„Ich schulde Ihnen ein Abendessen. Oder eine Entschuldigung. Ich weiß noch nicht, was.“

Wir aßen an diesem Abend nicht zusammen. Es gab eine Lesung im Rahmen von „Leipzig liest“, in einer Buchhandlung in Connewitz, danach einen Verlagsempfang, danach war es Mitternacht, und ich fuhr mit dem Fahrrad nach Hause in die Südvorstadt, wo Jonathan schon schlief, ein Bein über der Decke, wie immer. Aber auf dem Heimweg vibrierte mein Handy in der Jackentasche, und als ich an einer roten Ampel auf der Karli hielt, las ich: „Das Fenster geht wirklich aufs Wasser. Ich hatte recht. Sie kommen morgen und bestätigen es?“

Den Vormittag verbrachte ich am Stand wie eine Schauspielerin in der falschen Rolle. Ich erklärte einer Buchhändlerin aus Chemnitz unser Frühjahrsprogramm, signierte Lieferscheine, füllte Wasserflaschen nach, und die ganze Zeit lag das Handy mit der unbeantworteten Nachricht in meiner Tasche wie ein warmer Stein. Arne ließ sich nicht blicken. Das machte es schlimmer.

Ich antwortete erst mittags, in der Schlange vor einer Currywurstbude zwischen Halle 2 und 3. Ich schrieb: „Nach der Lesung. Nur kurz.“

Jonathan wusste, dass die Messetage lang sind. Er wusste, dass ich an manchen Abenden erst gegen eins nach Hause komme, dass es Empfänge gibt, Lesungen, Kneipen danach, dass ich in diesen vier Tagen quasi nicht existiere. Er ist Grundschullehrer, und er hat für diese Woche ein nachsichtiges, fast zärtliches Wort: „Messekoller“. Ich musste ihm nichts erklären. Das war das Beunruhigendste daran.

Die Lesung am zweiten Abend fand in einer ehemaligen Fabrikhalle auf dem Gelände der Spinnerei statt. Zwischen den Galerien roch es nach Farbe und nach kaltem Backstein, und im Hof standen Leute um Feuertonnen, weil es noch empfindlich kalt war, Anfang März. Arne las nicht selbst, er saß in der ersten Reihe und hörte der Autorin zu, einer schmalen Portugiesin, die ihren Text in ihrer Sprache vortrug, bevor eine Schauspielerin die deutsche Fassung las. Seine Fassung. Unsere, wenn man so will. Ich stand hinten an der Wand und hörte meine Sätze, seine Sätze, das Semikolon auf Seite 214, und ich spürte, wie mir warm wurde, und es lag nicht an der Heizung.

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Danach gingen wir zu Fuß. Die Spinnereistraße hinunter, dann zum Kanal. Der Karl-Heine-Kanal lag still und dunkel zwischen den alten Industriebauten, deren Backsteinfassaden man in lichte Lofts verwandelt hat, mit großen Fenstern, hinter denen Menschen kochten, lasen, fernsahen. Auf dem Wasser trieben ein paar Enten, eine Brücke spiegelte ihr eigenes Geländer. Arne ging langsam, die Hände in den Taschen.

„Warum Lissabon?“, fragte ich.

„Ich bin einer Frau hinterhergezogen. Die Frau ist weg, die Stadt ist geblieben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und Sie? Warum Leipzig?“

„Studium. Dann bin ich geblieben. Dann hab ich geheiratet.“

Er nickte, als hätte er das gewusst. Vielleicht hatte er den Ring bemerkt, vielleicht hatte er es gegoogelt, vielleicht war es ihm gleich. Er fragte nicht weiter, und dafür war ich ihm dankbarer, als ich zeigen wollte.

Die Ferienwohnung lag im zweiten Stock eines sanierten Gründerzeithauses, direkt am Kanal. Sie war genau so, wie man sich Ferienwohnungen in Plagwitz vorstellt: Dielenboden, eine Industrielampe über dem Esstisch, ein Bild von einem Kranich an der Wand, das niemand je bewusst angesehen hatte. Und ein Fenster zum Wasser, groß, zweiflüglig. Er hatte nicht gelogen.

„Bestätigt“, sagte ich.

Er stellte sich neben mich. Unten auf dem Kanal glitt ein einzelnes Kajak vorbei, lautlos, ein Mann mit Stirnlampe, der wie ein Glühwürmchen aussah. Arne sagte etwas auf Portugiesisch, leise, und als ich fragte, was es heiße, schüttelte er den Kopf.

„Das übersetze ich nicht. Manche Sätze sollte man im Original lassen.“

Ich drehte mich zu ihm um. Das Letzte, was ich an diesem Abend deutlich wahrnahm, bevor er das Licht löschte, war der Kranich an der Wand, dieser unbeachtete Kranich, der nun alles sah und nichts sagen würde.

Um halb sechs lief ich zur Station Plagwitz. Es war noch dunkel, der Himmel über den Gleisen hatte diesen milchigen Rand, der den Tag ankündigt, ohne ihn schon zu bringen. Auf dem Bahnsteig standen zwei Bauarbeiter in orangefarbenen Jacken und eine junge Frau mit einem Rollkoffer. Ich setzte mich in die S-Bahn, lehnte die Stirn an die kalte Scheibe und sah zu, wie Lindenau vorbeizog, dann der Hauptbahnhof mit seinen gewaltigen Hallen.

Jonathan schlief noch, als ich die Wohnungstür aufschloss. Ich hatte ihm um Mitternacht geschrieben, dass es spät würde und ich bei Katrin aus dem Vertrieb übernachte, die in Plagwitz wohnt. Katrin wohnt tatsächlich in Plagwitz. Ich hatte sie nicht gefragt. Ich duschte, zog frische Sachen an, kochte Kaffee und stellte ihm eine Tasse ans Bett, und er murmelte „Messekoller“ und lächelte mit geschlossenen Augen.

An den zwei verbleibenden Messetagen fuhr ich jeden Abend nach Plagwitz. Niemand am Stand fragte, niemand schien etwas zu bemerken, nur Katrin sah mich am Sonntag einmal lange an, als ich zum dritten Mal gähnte, und sagte: „Du siehst aus, als hättest du gar nicht geschlafen. Steht dir.“

Arne flog am Montag zurück nach Lissabon. Es gab keinen großen Abschied, keine Versprechen. Er schickte mir im Juni ein neues Manuskript, den nächsten Roman derselben Autorin, und am Rand der ersten Seite stand in seiner schrägen Handschrift ein einziges Wort auf Portugiesisch. Ich habe es nicht nachgeschlagen. Manche Sätze sollte man im Original lassen, und manche Wochen auch.

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