VerheirateteFrauenTreffen

Neunzig Minuten, Zimmer 307

Birgit, 48 · Frankfurt am Main

Um 12:28 Uhr sperrt Birgit ihren Bildschirm. Nicht um 12:30, das wäre zu rund, und nicht jeden Tag um dieselbe Minute, das wäre ein Muster. Heute 12:28, am Donnerstag vielleicht 12:33. Sie weiß, wie Muster aussehen. Seit elf Jahren sucht sie beruflich nach ihnen, in Zahlungsströmen, Reisekostenabrechnungen, Handelsdaten, in den kleinen Wiederholungen, mit denen Menschen sich verraten, weil sie glauben, niemand schaue so genau hin.

Es schaut immer jemand so genau hin. Meistens ist es jemand wie sie.

Im Aufzug des Turms an der Taunusanlage fährt sie mit zwei jungen Analysten aus dem Risikomanagement nach unten, die über ein Fußballspiel reden. Sie nickt ihnen zu. Draußen schlägt ihr die Luft entgegen, der Geruch nach Asphalt und Linden, das Rauschen des Verkehrs. Sie geht zügig, aber nicht eilig. Eilig ist verdächtig.

Der Weg ist immer derselbe, nur das Ziel ist nicht das, was er zu sein scheint. Durch die Grünanlagen, am Schiller-Denkmal vorbei, dann in die Fressgass. Um diese Uhrzeit sitzen dort die Banker an den Tischen unter den Markisen, Jacketts über den Stuhllehnen, Weißweinschorle und Rucola, und die Kellner balancieren Teller mit Grüner Soße zwischen den Stühlen hindurch. Birgit kauft an einer Theke einen Salat zum Mitnehmen und bezahlt mit der Firmenkarte. 12:36 Uhr steht auf dem Beleg. Das ist ihr Alibi, wenn es jemals eines brauchen sollte: ein Salat, gekauft in der Mittagspause, zweihundert Meter von der Arbeit entfernt. Sie wird ihn später am Schreibtisch essen, um 14:05 Uhr, sichtbar für alle.

Am Ende der Fressgass öffnet sich der Opernplatz. Die Alte Oper leuchtet in der Mittagssonne, gelblich und gewaltig, der Brunnen davor plätschert, Touristen fotografieren sich auf den Stufen. Birgit biegt vorher ab, in eine ruhigere Straße Richtung Westend, und betritt ein Hotel, dessen Namen sie nie laut ausspricht, nicht einmal in Gedanken. Sie nennt es „das Haus“.

An der Rezeption hebt der Portier kaum den Kopf. Er kennt sie nicht, oder er tut sehr überzeugend so. Ansgar hat das Zimmer morgens gebucht, auf seine Kanzlei, als Tageszimmer für Mandantengespräche. Er ist Anwalt für Gesellschaftsrecht, dreiundfünfzig, verheiratet wie sie, mit einem Büro an der Bockenheimer Landstraße und einem Kalender, der genauso gut gepflegt ist wie ihrer. Die Schlüsselkarte liegt in einem Umschlag an der Rezeption, auf den Namen „Frau Weber“. Birgit heißt nicht Weber. Niemand in dem Haus heißt Weber, vermutet sie.

Zimmer 307. Immer 307. Das war seine einzige Bedingung, und sie hat sie akzeptiert, obwohl sie jedes andere Detail variiert. „Ein Mensch braucht einen festen Punkt“, hat er gesagt, „sonst ist es nur Logistik.“

Es ist kein großes Zimmer. Ein breites Bett mit dunkelblauem Überwurf, zwei Sessel am Fenster, ein Schreibtisch, auf dem nie etwas liegt. Die Vorhänge sind aus schwerem, cremefarbenem Stoff, und wenn man sie zuzieht, fällt das Licht der Mittagssonne gedämpft und golden hindurch, als wäre es schon später Nachmittag. Birgit mag dieses falsche Licht. Es ist die einzige Uhrzeit ihres Tages, die nicht stimmt.

Ansgar ist schon da. Er ist immer schon da, sitzt im Sessel, das Jackett ordentlich über der Lehne, die Krawatte bereits gelockert, und hat zwei Gläser Wasser eingeschenkt. Sie haben sich vor anderthalb Jahren online kennengelernt, zwei Profile ohne Gesicht, die sich über die Formulierung „absolute Diskretion“ gefunden hatten. Es hatte etwas Komisches, zwei Menschen, die beruflich mit Vertraulichkeit zu tun haben und das Wort beide in ihr Profil geschrieben hatten, fettgedruckt.

„Du bist zwei Minuten früher als am Dienstag“, sagt er.

„Du führst Buch?“

„Ich bin Anwalt. Ich führe über alles Buch. Nur nicht schriftlich.“

Sie legt die Tüte mit dem Salat auf den leeren Schreibtisch, zieht die Pumps aus und stellt sie nebeneinander an die Wand. Dann geht sie zu ihm. Sie setzt sich nicht auf den anderen Sessel. Das hat sie nie getan.

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Was in den folgenden achtzig Minuten geschieht, protokolliert sie nicht. Es ist der einzige Teil ihres Lebens, von dem es kein Protokoll gibt, keine Tabelle, keine Ablage. Nur das Rascheln des schweren Stoffs, das ferne Geräusch einer Straßenbahn, das goldene Licht auf seiner Schulter, und irgendwann das Gefühl, dass die Zeit, die sie sonst so genau vermisst, einfach aufhört zu zählen.

Um 13:47 Uhr steht sie im Bad und richtet ihren Pferdeschwanz. Um 13:51 Uhr verlässt sie das Zimmer, Ansgar bleibt noch zehn Minuten, so ist es abgemacht. Um 13:53 Uhr tritt sie auf die Straße, und genau dort, an der Ecke zum Opernplatz, steht Frau Albers aus der internen Revision und sucht in ihrer Handtasche nach einem Schlüssel.

Es gibt Momente, in denen ein ganzer Beruf sich bewährt. Birgit geht nicht schneller. Sie wechselt nicht die Straßenseite. Sie hebt die Hand, lächelt und sagt: „Frau Albers! Auch Mittagspause?“

„Ach, Frau Kessler.“ Die Kollegin sieht auf, freundlich, arglos. „Ich war beim Optiker. Und Sie?“

„Termin bei einer Kanzlei hier um die Ecke.“ Birgit hebt die Tüte mit dem Salat. „Und der Klassiker aus der Fressgass.“

Das ist nicht einmal gelogen. Sie gehen gemeinsam zurück, reden über eine neue Richtlinie zur Geschenkannahme, über die Frau Albers sich aufregt, weil nun jede Weihnachtskarte mit Pralinen dokumentiert werden muss. Birgit gibt ihr in allen Punkten recht. An der Taunusanlage trennen sie sich im Foyer. Birgit fährt in den achtzehnten Stock, setzt sich an ihren Schreibtisch und öffnet den Salat. Ihre Hände sind vollkommen ruhig. Erst als sie die Gabel ansetzt, merkt sie, dass ihr Herz rast, nicht vor Angst, sondern vor etwas, das sie nicht zugeben würde. Es ist beinahe Stolz.

Freitags treffen sie sich nicht im Haus. Einmal im Monat, wenn beide es einrichten können, gehen sie stattdessen im Grüneburgpark spazieren, eine Stunde lang, zwischen den großen alten Bäumen und den Wiesen, auf denen Studenten aus dem Campus Westend in der Sonne liegen. Meistens landen sie im Koreanischen Garten, auf der kleinen Brücke über dem Teich, wo die Kois wie langsame Gedanken unter der Oberfläche treiben. Sie berühren sich dort nicht. Sie reden. Über seine Tochter, die gerade Abitur macht. Über Birgits Mann Rainer, der Architekt ist und seit einem Jahr an einem Schulbau in Offenbach verzweifelt. Über das, was sie beide haben und nicht aufgeben wollen, und über das, was sie zusätzlich brauchen, ohne genau benennen zu können, was es ist.

„Irgendwann erwischt uns jemand“, hat Ansgar einmal gesagt, auf dieser Brücke.

„Nein“, hat Birgit geantwortet. „Uns erwischt man nicht. Uns fällt man höchstens auf. Und wir fallen nicht auf.“

Er hat gelacht. Sie hat es ernst gemeint.

Manchmal fragt sie sich, was eine Kollegin wie Frau Albers aus ihrem Fall machen würde, wenn er auf ihrem Tisch läge. Keine Auffälligkeiten, würde im Bericht stehen. Keine Belege, keine Zeugen, kein Muster. Nur eine Frau, die mittags gern Salat isst. Birgit findet diesen Gedanken nicht beunruhigend. Sie findet ihn, ehrlich gesagt, ziemlich elegant.

Abends fährt sie von der Hauptwache mit der S-Bahn nach Hause. Sie steht gern im Gang, die Hand an der Stange, und sieht im dunklen Fenster ihr Spiegelbild neben den vorbeifliegenden Lichtern der Tunnelwände. Eine Frau im grauen Kostüm, gepflegt, ein wenig streng. Niemand würde bei ihr etwas vermuten. Das ist keine Tarnung, denkt sie manchmal. Das ist einfach, wer sie ist. Beides ist sie: die Frau, die Regeln durchsetzt, und die Frau, die sich zweimal die Woche eine Ausnahme gönnt, mit derselben Sorgfalt.

Zu Hause kocht Rainer. Sie deckt den Tisch, sie fragen einander nach dem Tag. „Viel los?“, fragt er. „Das Übliche“, sagt sie, und das Übliche ist wahr, denn es ist inzwischen genau das: ein Teil ihres Üblichen.

Am Sonntagabend öffnet sie ihren Kalender für die kommende Woche. Dienstag, 12:31 Uhr. Donnerstag, 12:26 Uhr. Sie trägt nichts davon ein. Es steht schon da, in dem einzigen Kalender, den niemand prüfen kann.

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