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Ein Wochenende ohne Bilder

Julia, 34 · Berlin

Das zweite Handy wohnt in einem Schuhkarton ganz oben im Kleiderschrank, zwischen Winterstiefeln, die ich seit drei Jahren nicht getragen habe. Es ist ein billiges Gerät mit Prepaidkarte, grau, unscheinbar, mit einem Sperrbildschirm, der einen Leuchtturm zeigt. Ich habe es an einem Dienstag in einem Laden an der Frankfurter Allee gekauft und bar bezahlt, und als ich wieder draußen auf dem Gehweg stand, war mir schwindelig, als hätte ich gerade eine Bank überfallen. Dabei hatte ich nur neunundzwanzig Euro ausgegeben.

Marco ist Industriemechaniker und arbeitet auf Montage, meistens in Raffinerien und Chemieparks, manchmal in Belgien, manchmal in Bayern, einmal ein halbes Jahr in Polen. Zwei Wochen weg, eine Woche zu Hause, so geht das seit Jahren. Wir haben uns eingerichtet. Wir telefonieren abends, er erzählt von Pumpen und Kantinenessen, ich erzähle vom Büro und von seiner Mutter, und dann sagen wir „Schlaf gut“ und legen auf. Es ist kein schlechtes Leben. Es ist nur ein Leben mit sehr viel Platz darin, und irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen, was man mit so viel Platz anfangen kann.

Levin hatte den Wochenmarkt am Kollwitzplatz vorgeschlagen. Ich hatte ihm geschrieben, dass ich nicht in Kreuzberg oder Neukölln gesehen werden will, weil Marcos Schwester dort wohnt und samstags gern über den Markt am Kanal bummelt. „Dann Prenzlauer Berg“, hatte er geantwortet. „Da kennt keiner keinen. Alle sind zugezogen.“

Ich fuhr mit der Tram M10 bis Eberswalder Straße und lief den Rest zu Fuß. Es war Ende September, einer dieser Berliner Tage, an denen der Himmel so blau ist, dass man ihm nicht traut. Zwischen den Ständen mit Bioäpfeln und Käse aus Brandenburg drängten sich Familien mit Lastenrädern, Hunde, die an Leinen zerrten, Paare mit Einkaufskörben aus Weide. Ich trug eine Sonnenbrille und kam mir lächerlich vor.

Er stand an einem Stand mit Pflaumenkuchen, groß, schmal, in einer abgetragenen Cordjacke, eine Kameratasche über der Schulter. Ich erkannte ihn an den Händen, weil er mir einmal ein Foto seiner Hände geschickt hatte, als ich gefragt hatte, wie er aussieht. Nicht sein Gesicht. Die Hände. Damals fand ich das seltsam. Jetzt verstand ich es.

„Die Tasche bleibt zu“, sagte ich statt einer Begrüßung.

Er hob beide Hände, als ergäbe er sich. „Die Tasche bleibt zu. Versprochen. Aber ich darf dich ansehen?“

„Das darfst du.“

Er sah mich an. Lange, ruhig, mit diesem Blick, den wohl nur Leute haben, die ihr Leben lang Licht vermessen. Ich musste wegschauen, zu den Pflaumen, zum Himmel, zu einem Kind, das Seifenblasen machte. Niemand hatte mich seit Jahren so angesehen. Vielleicht noch nie.

Wir kauften zwei Stück Kuchen und aßen sie im Gehen, über die Eberswalder Straße und dann hinüber zum Mauerpark. Samstags ist der Park fast leer, verglichen mit dem Sonntag, wenn sich auf dem Flohmarkt Tausende zwischen alten Schallplatten und Kinderkleidern drängen. Wir setzten uns oben auf den Hang, auf den trockenen, zertretenen Rasen, und sahen über die Stadt, über den Fernsehturm, über die Dächer von Mitte. Er erzählte von einem Auftrag, bei dem er drei Tage lang Treppenhäuser fotografiert hatte, leere Treppenhäuser ohne Menschen, und dass er seitdem glaubt, dass man einen Ort am besten erkennt, wenn niemand darin steht.

„Deshalb stört dich meine Bedingung nicht“, sagte ich.

„Deshalb stört mich deine Bedingung nicht.“

Am Nachmittag gingen wir durch den Gleimtunnel hinüber nach Wedding. Unter den alten Eisenbahnbrücken ist es auch am hellsten Tag dämmrig und kühl, die gusseisernen Säulen stehen da wie in einer Kathedrale, die jemand vergessen hat. In der Mitte, wo das Licht von beiden Seiten gleich schwach war, blieb Levin stehen, und ich lief fast in ihn hinein.

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„Bis 1989 war hier Schluss“, sagte er. „Der Tunnel war dicht. Auf der einen Seite Osten, auf der anderen Westen.“

„Und?“

„Und nichts. Ich wollte nur, dass du einen Moment stehen bleibst.“

Ich blieb stehen. Er küsste mich nicht. Er berührte nur mit dem Daumen meine Unterlippe, sehr leicht, als prüfe er, ob sie echt ist, und dann ging er weiter. Ich stand noch einen Augenblick allein im Halbdunkel und hörte die S-Bahn über mir rumpeln, und ich wusste, dass ich an diesem Abend nicht zurück nach Lichtenberg fahren würde.

Seine Wohnung lag in einem Altbau hinter dem Humboldthain, Hinterhaus, zweiter Stock, mit Dielen, die in grauer Farbe gestrichen waren, und Wänden voller Abzüge. Fotos von Brücken, von Treppen, von leeren U-Bahnhöfen um vier Uhr morgens. Kein einziger Mensch darauf. Ich ging an den Bildern entlang wie in einer Ausstellung, und er ließ mich, stand in der Küchentür und schwieg.

Um halb acht rief Marco an. Nicht auf dem grauen Handy, auf dem richtigen. Ich ging ins Treppenhaus und setzte mich auf die Stufen. Marco erzählte, dass ein Ersatzteil nicht gekommen sei und sie den ganzen Tag im Baucontainer gesessen und Karten gespielt hätten. Ich sagte, dass ich einen ruhigen Abend mache, mit einer Serie und Pizza. Er sagte „Schlaf gut“. Ich sagte es auch. Dann saß ich noch eine Weile auf der kalten Treppe, mit dem Telefon in der Hand, und wartete darauf, dass sich etwas in mir zusammenzog. Es kam nichts. Nur eine große Ruhe, und darunter etwas Warmes, Ungeduldiges.

Als ich zurückkam, hatte Levin Kerzen angezündet und das große Licht ausgemacht. Die Fotos an den Wänden waren jetzt nur noch helle Rechtecke im Halbdunkel. „Damit du nicht das Gefühl hast, dass jemand zuschaut“, sagte er. Ich ging auf ihn zu, nahm seine Hände, diese Hände, die ich zuerst gekannt hatte, und legte sie auf meine Hüften. Den Rest der Nacht erzähle ich niemandem. Nicht einmal dem grauen Telefon.

Am Morgen weckte mich Kaffeegeruch und ein Geräusch, das ich erst nicht einordnen konnte. Levin stand an der Arbeitsplatte und schnitt Brot, keine Kamera in Sicht. Das Geräusch war das Messer auf dem Holzbrett. Ich blieb liegen und hörte zu, wie man einem Lied zuhört.

Nach dem Frühstück gingen wir in den Volkspark Humboldthain. Es war früh, die Luft noch feucht, auf den Wiesen lag Tau, und die Hundebesitzer grüßten sich mit müden Gesichtern. Wir stiegen auf den alten Flakturm, diesen riesigen Betonklotz aus dem Krieg, der halb in einem Berg aus Trümmerschutt steckt und auf dem heute oben eine Aussichtsplattform ist. Von dort sieht man die Stadt in alle Richtungen: die Gleise am Gesundbrunnen, den Fernsehturm, weit hinten die Hochhäuser, irgendwo dahinter Lichtenberg, wo meine Wohnung stand, leer, mit dem Schuhkarton im Schrank.

Ich setzte mich auf eine Bank an der Brüstung. Levin blieb stehen. Wir sprachen nicht viel. Ich fragte ihn, ob wir uns wiedersehen, und er sagte, das entscheide ich, er habe Zeit. Es war die richtige Antwort, und ich hasste ihn ein bisschen dafür, dass er sie so leicht fand.

Später begleitete er mich bis zum Eingang des Mauerparks, wo inzwischen der Flohmarkt tobte. Dort verabschiedeten wir uns, zwischen einem Stand mit alten Kameras und einem mit Emaillegeschirr, ohne Kuss, nur mit einer Hand an meinem Arm. Ich ging allein durch das Gedränge, kaufte für drei Euro eine kleine Tasse mit blauem Rand und fuhr mit der U2 und der S-Bahn nach Hause.

Am Abend kam eine Nachricht auf dem grauen Telefon. Ein Foto. Keine Angst, schrieb er, du bist nicht drauf. Es war die Bank auf dem Flakturm, leer, im Morgenlicht, die Stadt dahinter unscharf. Er musste es gemacht haben, nachdem ich aufgestanden war.

Ich habe es nicht gelöscht. Ich weiß, dass ich sollte. Aber es ist ja nur eine Bank. Niemand, der es findet, würde erkennen, dass darauf gerade jemand gesessen hat, der glücklich war.

Marco kommt am Freitag zurück. Die Tasse mit dem blauen Rand steht im Küchenschrank, ganz hinten. Er wird sie nicht bemerken. Und in elf Tagen fährt er wieder.

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