Zwei Nächte am Henkersteg
Petra, 49 · Nürnberg
Bettina hat den Plan erfunden, nicht ich. Ausreden suche ich damit keine, es stimmt einfach und weil es mich bis heute zum Lachen bringt. Wir saßen im Januar in ihrer Küche in Gostenhof, draußen schneite es diesen grauen Nürnberger Schnee, der schon beim Fallen schmutzig aussieht, und ich hatte ihr gerade zum dritten Mal erzählt, dass ich Lorenz nicht treffen würde. Dass es bei den Nachrichten bleiben müsse. Dass ich neunundvierzig sei und kein Teenager.
„Du redest seit sechs Wochen von nichts anderem“, sagte sie und goss uns Tee nach, der längst kalt war. „Wir fahren ein Wochenende nach Bad Staffelstein. Obermain Therme, Salzwasser, Bademantel, das volle Programm. Bernd wird begeistert sein, dass du mal rauskommst.“
„Wir fahren nach Bad Staffelstein?“
„Ich fahre nach Bad Staffelstein. Mit meiner Schwester. Du fährst genau vier Kilometer weit.“
Bernd und ich wohnen in Mögeldorf, in einem Reihenhaus mit Blick auf die Pegnitzwiesen, und in den zweiundzwanzig Jahren unserer Ehe ist er vielleicht fünfmal freiwillig in die Altstadt gegangen. Die Altstadt ist für ihn Touristengebiet, Bratwurstbuden, Reisegruppen aus Japan, Parkhäuser zu fünf Euro die Stunde. Dass ich mich zwei Nächte lang ausgerechnet dort verstecken würde, wo er nie hinsieht, war Bettinas eigentlicher Geniestreich.
Lorenz war einundfünfzig, Uhrmacher, mit einer kleinen Werkstatt in der Gustavstraße in Fürth, und er hatte mir auf meine allererste Nachricht mit einem Foto von einem geöffneten Taschenuhrwerk geantwortet. „Das bin ich innen drin“, hatte er dazugeschrieben, „außen bin ich weniger interessant.“ Er war verheiratet gewesen, war es seit vier Jahren nicht mehr, und er wollte nichts von mir, das ich nicht selbst anbieten würde. So hatte er es formuliert, und ich hatte den Satz tagelang mit mir herumgetragen wie ein Stück warmes Metall in der Manteltasche.
Am Freitagnachmittag holte Bettina mich mit ihrem roten Kleinwagen ab. Bernd trug meine Reisetasche zum Auto, küsste mich auf die Stirn und sagte zu Bettina: „Pass auf, dass sie sich wirklich erholt.“ Bettina versprach es mit todernstem Gesicht. Erst an der Ampel am Dürrenhof prustete sie los, und ich musste mir die Hand vor den Mund halten, weil mir gleichzeitig zum Lachen und zum Heulen zumute war.
Sie setzte mich am Königstor ab. „Sonntag, vierzehn Uhr, gleiche Stelle“, sagte sie. „Und vorher gehst du noch eine Stunde ins Südstadtbad. Du musst nach Chlor riechen, Petra. Das ist das Wichtigste.“
Wir hatten uns im Handwerkerhof verabredet, gleich hinter dem Tor, weil dort im Februar kaum jemand ist. Ein Zinngießer räumte gelangweilt sein Schaufenster um, und aus einer Lebkuchenbäckerei zog ein Geruch nach Zimt und Honig über das Kopfsteinpflaster. Lorenz stand vor einem Laden mit Holzspielzeug und betrachtete einen Kreisel, als müsse er ihn begutachten. Er war größer, als ich gedacht hatte, und grauer, und als er sich umdrehte, sah ich, dass er genauso aufgeregt war wie ich. Das hat mir mehr geholfen als jedes Kompliment.
„Du bist wirklich gekommen“, sagte er.
„Ich habe eine Freundin, die mich sonst umgebracht hätte.“
Wir liefen die Königstraße hinunter, an der Lorenzkirche vorbei, über die Museumsbrücke, ohne uns zu berühren. Ich merkte, wie ich die Gesichter der Leute absuchte, obwohl ich wusste, dass niemand, den ich kannte, an einem Freitagabend im Februar durch die Altstadt spaziert. Die Pegnitz führte Hochwasser, braun und schnell schoss sie unter dem Heilig-Geist-Spital hindurch, und auf der Brücke blieb Lorenz stehen und sagte: „Wenn du umdrehen willst, jetzt wäre ein guter Moment. Ich wäre nicht beleidigt. Nur traurig.“
Ich drehte nicht um.
Das Hotel lag in einer schmalen Gasse zwischen dem Weinstadel und dem Trödelmarkt, sieben Zimmer, eine Rezeption, die eigentlich nur ein Tresen neben der Treppe war, und eine ältere Dame, die uns die Schlüssel mit einem Holzanhänger gab, schwer wie ein Briefbeschwerer. Unser Zimmer ging auf den Fluss hinaus. Man hörte das Wasser, auch bei geschlossenem Fenster, ein unaufhörliches Rauschen, das jede Stille auffüllte.
Wir aßen an diesem Abend nichts. Ich stand am Fenster und sah auf die Holzgalerie des Henkerstegs hinunter, die im Licht der Laternen aussah wie eine Kulisse, und hinter mir hörte ich, wie Lorenz seine Uhr abnahm und behutsam auf den Nachttisch legte. Ein kleines, genaues Geräusch. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieses Geräusch es war, bei dem ich mich umdrehte.
Am Morgen hatte der Regen aufgehört. Wir frühstückten in einem Café in der Weißgerbergasse, wo die Fachwerkhäuser so bunt und so schief aneinanderlehnen, dass man meint, sie hielten sich gegenseitig fest. Lorenz bestellte zwei Spiegeleier und aß meine Brötchenhälfte mit, ohne zu fragen, und ich ertappte mich dabei, wie ich ihm dabei zusah, mit einem Vergnügen, das mir fast peinlich war.
Um halb zehn rief Bernd an. Ich ging vor die Tür, in die kalte Luft, und sagte, dass das Salzwasserbecken herrlich sei und dass Bettina schon wieder in der Sauna sitze. Er erzählte, dass die Nachbarn ihren Carport gestrichen hätten, in einem Grün, das ihm nicht gefiel. Ich hörte zu und sagte „Mhm“ an den richtigen Stellen, und das Merkwürdige war: Ich fühlte mich ihm in diesem Moment nicht fern. Er war mein Mann, und er redete über den Carport, und ich stand in der Weißgerbergasse und hatte eine Nacht hinter mir, die ich niemals bereuen würde. Beides war wahr. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass eine Frau in meiner Lage zerrissen sein müsse. Ich war nicht zerrissen. Ich war eher doppelt.
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Jetzt Ehefrauen diskret treffenBettina schickte mir kurz darauf drei Fotos: ein dampfendes Außenbecken, ein Tablett mit Obst, zwei Bademäntel auf Liegen. „Für dein Archiv“, schrieb sie. „Falls er fragt.“
Wir stiegen am Nachmittag zur Kaiserburg hinauf, über die steilen Gassen am Tiergärtnertor, wo das Pflaster so glatt war, dass Lorenz mir die Hand gab und sie danach nicht mehr losließ. Oben im Burggarten lag noch Raureif auf den Hecken. Unter uns breitete sich die Stadt aus, rote Dächer, die Türme von Sankt Lorenz, und irgendwo im Osten, im Dunst, lag Mögeldorf. Ich suchte es nicht. Ich wusste nur, dass es da war.
„Woran denkst du?“, fragte Lorenz.
„Dass ich mein Haus von hier aus sehen könnte, wenn ich wollte.“
„Und willst du?“
„Nein. Heute nicht.“
Er nickte, als sei das eine vollkommen vernünftige Antwort, und vielleicht war es das auch.
Die zweite Nacht war anders als die erste. Weniger Hast, mehr Zeit. Wir aßen im Bratwurstglöcklein, weil Lorenz fand, man müsse das einmal im Leben als Tourist machen, sechs Würstchen auf Zinntellern, Sauerkraut, ein dunkles Bier, und ich lachte so laut, dass sich ein Paar am Nebentisch umdrehte. Auf dem Rückweg blieben wir mitten auf dem Henkersteg stehen, unter dem überdachten Holzgang, durch den früher der Scharfrichter in seine Wohnung ging, weil ihn niemand in der Stadt haben wollte. Lorenz erzählte mir das, und ich sagte, dass es mir gefalle, eine Nacht an einem Ort zu verbringen, der für die Ausgestoßenen gebaut worden war. Er küsste mich dort, unter den alten Balken, während das Wasser unter uns tobte, und ich dachte an gar nichts mehr.
Später, im Zimmer, zog er die Vorhänge nicht zu. Das Laternenlicht vom Fluss malte gelbe Streifen an die Decke, und ich lag lange wach, nachdem er eingeschlafen war, und hörte seine ruhigen Atemzüge und das Rauschen der Pegnitz, und ich sortierte nichts, bewertete nichts. Ich ließ es einfach da sein.
Am Sonntag gingen wir getrennt aus dem Hotel, erst er, dann ich, eine Viertelstunde später. Das war mein Wunsch gewesen, nicht aus Angst, sondern weil ich den Abschied nicht auf der Straße haben wollte. Er stand an der Tür, die Tasche schon über der Schulter, und sagte: „Die Werkstatt hat mittwochs bis neunzehn Uhr geöffnet. Falls mal eine Uhr stehen bleibt.“
„Ich habe keine Uhr, die stehen bleibt“, sagte ich.
„Dann schenke ich dir eine.“
Ich ging, wie befohlen, eine Stunde ins Südstadtbad, schwamm zwanzig Bahnen und ließ mir das Haar nass. Um Punkt vierzehn Uhr hielt der rote Kleinwagen am Königstor. Bettina roch nach Sole und Sonnencreme, obwohl es Februar war, und reichte mir wortlos eine Tüte aus dem Thermenshop: ein Badesalz mit Lavendel, ein Handtuch mit dem Logo darauf.
„Für den Koffer“, sagte sie. „Und jetzt erzähl.“
Ich erzählte nicht alles. Manches gehörte nur mir.
Bernd stand in der Einfahrt, als wir ankamen. Er nahm mir die Tasche ab, roch an meinem Haar und sagte: „Du riechst nach Schwimmbad.“ Dann, nach einer kleinen Pause: „Du siehst wirklich erholt aus.“
„Das bin ich auch“, sagte ich, und das war vielleicht der ehrlichste Satz des ganzen Wochenendes.
Das Badesalz steht jetzt im Badezimmer, auf dem Fensterbrett, ungeöffnet. Und in meiner Handtasche, in einem kleinen Samtbeutel, liegt eine Damenuhr aus den Fünfzigerjahren mit einem neuen Lederarmband. Sie geht auf die Sekunde genau. Ich trage sie nur mittwochs.







